Alternatives Mahnmalkonzept von p.t.t.red 1999

zum Denkmal für die ermordeten Juden Europas


Europa bei Nacht Dieses Ereignis hätte in der Zeit von der Weltraumstation Mir aus gesichtet und dokumentiert werden können.

Stromabschaltung in der gesamten Bundesrepublik Deutschland als kollektives, temporäres Mahnmalereignis

Dies soll ein Versuch sein, den Denkmalbegriff bzw. Mahnmalbegriff in ein anderes Licht zu tauchen. ‘Licht’ in das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte zu lenken, was zu einer breiten Diskussion in allen Bevölkerungsschichten Deutschlands und über Deutschland hinaus führen soll. Ausgehend von der Tradition der Schweigeminute schlagen wir vor, an einem bestimmten Tag zum Gedenken der Holocaustopfer eine Stromabschaltung für das gesamte Gebiet der Bundesrepublik Deutschland auszulösen. Dieses Ereignis würde sich bis in die letzte deutsche Stube auswirken, um auf das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte aufmerksam zu machen, als jährlich wiederkehrendes einminütiges Gedenkereignis - als temporäres Mahnmal. 1871 brachte Edison in Amerika einen Draht zur Weißglut, durch den die dunkle Welt durch Erhöhung von Stärke und Spannung bis in die letzten Fugen in gleißendem Licht aufblitzte. Dies geschieht in unserer hochtechnischen Gesellschaft in einem Maß nach immer Mehr: mehr Information, mehr Transparenz, mehr Komfort, mehr Konsum, mehr Sicherheit, mehr Mobilität, mehr Autos, mehr Waffen, mehr Spaß, mehr Erleben, so daß ein Leben ohne Elektrizität nicht mehr denkbar ist. Sollte dem Mehr eine konzeptionelle Fehlstelle entgegengesetzt werden, käme es zu einer anderen Qualität der Auseinandersetzung mit Gewohntem und Alltäglichem. Aus diesem Ereignis heraus käme es unweigerlich schon im zeitlichen Vorfeld zu einem landesweiten Diskurs über den Ursachenhintergrund der Stromabschaltung, die mit Sicherheit den Lebensnerv eines modernen Staates berührt. Die Abschaltung sollte sich aber rechtfertigen in der tiefen kollektiven Anteilnahme mit den Opfern und Überlebenden des Holocaust in Europa, durch einen zeitgemäßen Kraftakt, für einen Moment des Gedenkens und des Besinnens über eine Zeit, die immer mehr überlagert wird von Ereignissen und vor allem von Zeit. Die Stromabschaltung bedingt auch eine intensive Vorbereitungszeit, die in allen gesellschaftlichen Ebenen ihre Auswirkungen hätte, um allen Gefahren und Sicherheitsbedürfnissen einer so komplexen Gesellschaft wie unserer gerecht zu werden. Über eine Anzeigenreihe in den Medien müßte man solch ein Mahnmal - Ereignis ankündigt werden, um so eine breite Bevölkerungsschicht zu informieren. Deutschland wird durch die Stromabschaltung zu einem Denkraum, zu einem Mahnmalereignis. Würde nach der abendlichen Dämmerungphase eine Stromabschaltung erzeugt werden, käme es fast zum gesamten Ausfall der Straßenaußenbeleuchtung. Es fielen nicht nur die Lichter in den deutschen Wohnungen aus, sondern sämtliche Fernsehgeräte würden bundesweit für den Minutenzeitraum verstummen, Computerbenutzer müßten ihre Daten vor dem Mahnmalereignis abspeichern, die Krankenhäuser müßten ihre Notstromaggregate überprüfen. Die Mittwochziehung der Lottozahlen müßte evtl. verschoben werden. Gefängnisse, Schönheitssalons, U-Bahnen und Fußballstadien würden ins Dunkle getaucht. Abhöranlagen, Überwachungsanlagen, Kameras wären vom Stromausfall betroffen. Dies alles wäre seit der Erfindung der Glühbirne die zeitlich kürzeste aller Katastrophen in unserem Alltag, die uns widerfahren könnte, die uns im Dunkel stehen lassen würde zum Gedenken an den Holocaust. Dieses temporäre Mahnmalereignis könnte ein Anstoß zu einem neuen deutschen Denkraum werden, zur gemeinsamen Verantwortung unserer Geschichte gegenüber Andersdenkenden und Opfern aus Kriegen und Folter. Fast jeder in Deutschland wäre in irgendeiner Form betroffen in dieser dunklen Minute. Es dringt in unser kollektives Bewußtsein, verhindert das Vergessen und regt immer wieder an zur Diskussion über die Ereignisse unserer Geschichte.
19. April 1999 KZ- Überlebende von Buchenwald am Reichstag 1. Bundestagssitzung

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